Jahreskongress der ÖGZMK

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Einen zusammenfassenden Bericht über den Zahnärztekongress 2019 in Villach finden Sie unter "Aktuelles"

In einem interessanten 20minütigen Vortrag erläuterte Dr. Zechner innovative und aktuelle Konzepte zur Behandlung von Entzündungen im Implantate. Neben Hygienemaßnahmen und Glätten der Implantatoberfläche findet auch der Arkansas-Stein seine Verwendung. Zukünftig könnte die elektrochemische Biofilm-Entfernung genauso eine wichtige Rolle übernehmen.

Prof. Fürhauser stellte den E-punkt als wichtigen Parameter bei der Navigation zur Implantation dar. Der Eintritt sollte dort sein, wo man von vorne die Krone haben möchte . Dann funktioniert auch die Ästhetik. Wichtig ist auch, dass die Tarnow-Abstände eingehalten werden.

Dr. Strbac zeigte auf, dass Schablonen auch für weitere zahnchirurgische Eingriffe von Vorteil sein können (WSR, Weisheitszahn-OP).

Dann stellte Dr. Ulm klar, dass ein Sinuslift über 10 mm nichts bringt, da keine Durchblutung in den oberen Arealen erreicht werden kann. Perforationsbohrungen im Boden der Kieferhöhle, die man z.B. mit Retrotips machen kann, fördern die Durchblutung des Aufbaumaterials.

Dr. Raab erläuterte den Einsatz bzw. das Management von blutverdünnenden Therapien. Die  Medikamente aus der Gruppe der NOAK müssen bei leichten Eingriffen nicht abgesetzt werden, bei mittleren sollen 24 h Pause eingehalten werden (Extraktionen, Implantate bis 2 Stück), bei schweren (Sinuslift, Augmentationen) 48 h vorher. Wiedereinsetzen der Medikamente 6-8 h nach OP. Wichtig ist auch, dass Pradaxa über die Niere ausgeschieden wird, während alle anderen NOAK über die Leber gehen. Daher  muss bei Pradaxa die Kreatinin-Clearance beachtet werden. Bei Acetylsalicylsäure und den altbekannten oralen Antikoagulantien sind 7 Tage Pause vor einer OP einzuhalten. Der Bedarf an Bridging (Überbrücken der Absetzungsphase mit Heparinen) soll mit dem behandelnden Internisten abgesprochen werden.

Dr. Spendel erklärte die mikrovaskuläre Dekompression bei  Patienten mit Trigeminusneuralgie. Die Diagnose muss allerdings vorher sicher stehen. Es muss der Nachweis einer auf den Nerv drückenden Gefäßschlinge im MRI erbracht sein.

Dr. Klaritsch führte aus, dass in der Schwangerschaft die Keime im Fruchtwasser denen der Mundflora. entsprechen. Die Besiedlung sollte bereits im ersten Drittel der Schwangerschaft erfolgen. Bei Bestrahlungen Dosen unter 100 mGr unbedenklich (Uterusdosis). Zahnröntgen wären daher auch bei schwangeren Patienten möglich! Eine Bleischürze habe eher psychologischen Charakter. Zur Frage, welche Medikamente zu einer OP begleitend unbedenklich gegeben werden können, wird festgestellt, dass Paracetamol 1000 mg als Einzeldosis  unbedenklich ist, bis 4g pro Tag. Amoxicillin, mit Clavulansäure, Penicillin, Cephalosporine, Metronidazol, Chlorhexidin sind ebenso unbedenklich.  Medikamente aus der Gruppe der NSAR sind bis zur 27. SSW und wieder in der Stillzeit erlaubt. Auch Novalgin ist ab  dem zweiten Trimenon bis über die Geburt hinaus möglich, ebenso Morphine, auch Lachgas. Behandlungen in lokaler Anästhesie sind ohne Bedenken möglich. Auch ist Propofol unbedenklich. OPs mit langer Rückenlage müssen wegen des Vena Cava Kompressionssyndrom beachtet werden. Sehr wichtigist eine Optimierung der Mundhygiene in der Schwangerschaft mit Beginn bereits im ersten Trimenon oder besser schon bei der Familienplanung. Im letzten Trimenon sollte eine Beratung hinsichtlich Prophylaxe beim Kind erfolgen. LKG-spalten sind im Ultraschall bereits im ersten Drittel der Schwangerschaft zu sehen. Das Pierre-Robin-Syndrom hat eine hohe Mortalität. Als wichtiges Zeichen ist hier die Mikrognathie zu nennen, die bereits  im ersten Drittel der SS zu sehen ist, sie wächst sich eher aus im Laufe der Schwangerschaft, falls es isoliert auftritt und nicht Teil des Pierre-Robin-Syndroms ist. Alles Wichtige zur Medikation ist auch unter www.embryotox.de nachzulesen.

Dr. Volc-Platzer stellte umfassend die Mundschleimhauterkrankungen dar, mit aktuellen Therapierichtlinien.

Dr. Alt lieferte einen anthropologischer Rückblick: Menschen der Gattung Homo gibt es seit 2,5 Mio. Jahren. Erstes Auftreten war in Ost- und Südafrika, etwa vor 100.000 Jahren setzte eine Wanderung ein, die Menschen kamen über Arabien nach Europa und Asien, und heben dort den Neandertaler wegen höherer Produktivität verdrängt. Der Genpool ist in Europa recht einheitlich und lässt sich letztlich auf 7 Familien zurückführen. Interessantes gibt es auch bei der Zahnform. Bei Primaten nimmt der Umfang der Seitenzähne nach distal bis zu den 8ern zu, während bei Menschen der 6er den größten Zahn darstellt. Zähne galten früher als Werkzeug, bei Frühmenschen und Neandertalern sieht man entsprechend häufig Abrasionen der Oberkieferzähne, da diese zum Ziehen an Seilen und Stoffen eingesetzt wurden. Bezogen auf Zahnerkrankungen sind bereits in der Steinzeit viele apikale Granulome und Zysten nachweisbar, erste Zahnbehandlungen erfolgten bereits im Altertum. Erste Füllungen aus Zinn traten etwa im 16. Jahrhundert auf.  Die Prothetik erreichte ebenfalls im Altertum bereits eine Blüte, wo z.T. sehr aufwändige Schienungen bei wohlsituierten Patienten vorgenommen wurden. Im Mittelalter war diesbezüglich eine deutliche Rückständigkeit auffällig. 

Dr. Türp leuchtete das weite Feld der kraniomandibulären Dysfunktionen aus. Als Risikofaktor Nummer 1 gilt hier der Bruxismus, klinisch und radiologisch gibt es hier eine Menge Hinweise, auf die zu achten sind (verspannte Masseteren,  Hypertrophie, Druckdolenz,  Attrition,  Morphologie 3er, Abfraktion, okklusale Grübchen, Abflachung Kondylen und Tuberkula,  Knochenapposition im KW) Weiters stellen Stressfaktoren und soziale Phobien ein Risiko dar, eine kraniomandibuläre Dysfunktion zu entwickeln. Bei der palpatorischen Untersuchung sind nur Masseter und Temporalis aussagekräftig, die übrigen Muskeln sind kaum aussagekräftig zu tasten. Der Butler Palpeter liefert hier nachmessbare Befunde, bei Druck von 1000 mg über 2 Sekunden sollte ein Schmerz auslösbar sein. Die Therapie richtet sich nach dem SMS-Prinzip: (1) Selbstbeobachtung (wann treten Beschwerden auf, bei welchem Blick, Markieren der entsprechenden Punkte mit Haftetiketten), (2) Muskelentspannung (Kaugummi zu Bolus formen und locker schwebend zwischen den Zähnen halten), (3) Schienenbehandlung (wobei sich hier die Michigan-Schiene bewährt hat, da sie nur Kontakte in der Front bis zu den Eckzähnen zulässt und seitlich vollkommen flach ausgeformt ist). Zusätzlich ist die Physiotherapie hilfreich, wobei die wiederkehrende Gesprächstherapie hier viel Positives bewirkt. Weiterführender Links zu Therapierichtlinien: www.awmf.org

Prof. Nkenke berichtete, dass Implantate über 7 mm keine Zunahme an Stabilität bringen. Autologer Knochen, falls notwendig, sollte von retromolar entnommen werden. Andere Spendergebiete fallen wegen Nebenwirkungen und Minderwertigkeit des Knochens flach. Einzige Ausnahme: im Kinnbereich kann man bei Versorgung des interforaminalen Unterkiefers den messerscharfen Knochen, sofern dieser so ausgebildet ist, abtragen und bukkal anschrauben, simultan zum Implantieren. Die Rolle des Bonebuilders ist weiter unklar, die Resorptionsquote liegt um 20%. Besonders im seitlichen Unterkiefer sind seitliche Onlay-Augmentationen langfristig nicht stabil, er sieht den Distraktor nach wie vor als eine überlegenswerte Alternative an. Moderne Implantatdesigns, u.a. solche, die sich nach dem Implantieren schirmförmig aufspannen, bieten eine Alternative, wenn kurze Implantate notwendig sind, scheinen im Oberkiefer besser zu funktionieren als unten.